Zu REVISITED:
Der exzentrische Blick
von Dr. Kerstin Stremmel, Köln
Die Orte sind hinlänglich bekannt: touristische
Epizentren, immer wieder fotografiert mit dem unhintergehbaren
Wunsch nach Einschreibung und Authentizität. Üblicherweise
dokumentieren die Aufnahmen ich bin da-gewesen, sollen
Erfahrung beglaubigen. Diese private Gebrauchsweise der Fotografie
ist Ausdruck für jenes Phänomen, das Gottfried Benn in seinem
Gedicht „Reisen“ beschrieben hat: „ach, vergeblich das Fahren! Spät
erst erfahren Sie sich“. Der Wunsch nach Horizonterweiterung ist
meist utopisch, es gilt wohl eher, was Susan Sontag über den
Zusammenhang zweier moderner Aktivitäten, Tourismus und seinen
Zwillingsbruder Fotografie, gesagt hat: Fotografieren führt häufig
zu einer Form der Verweigerung von Erfahrung, die Bilder bilden
eine Ersatzwirklichkeit, hinter der die Realität
verschwindet.
Doch mit dokumentarischem Anspruch war Architekturfotografie, die
es seit Erfindung dieses Mediums gibt, einst angetreten: Die Bilder
sollten die Welt vermitteln, Fernes oder Fremdes nahe bringen, die
Sehnsüchte der Betrachter wecken und vergleichendes Sehen
vereinfachen. In der künstlerischen Fotografie ist dieser letzte
Aspekt seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts
insbesondere von Bernd und Hilla Becher betont worden, um
künstlerische Aussagen zu machen. Wie jene Pioniere ist Thorsten
Kern in bestimmter Hinsicht um Neutralität bemüht: Der Himmel ist
in der Regel bedeckt, auf starke Farbigkeit wird verzichtet.
Allerdings gibt es Ausnahmen, der Hamburger Fischmarkt etwa ist
unter blauem Himmel mit weißen Wattewolken fotografiert, was
insofern ungewöhnlich ist, als der touristische Blick auf ihn eher
im Morgengrauen, nach nächtlichem Besuch in St. Pauli, fällt als am
helllichten Tage. Ganz anders als im Becher’schen Archiv
dokumentarischer Aufnahmen variiert Kern bei seiner Serie die
Formate und die Blickwinkel je nach Sujet: Vom 150 x 60 cm schmalen
Blick unter dem üblicherweise im Querformat erfassten Arc de
Triomphe heraus bis hin zum mit 125 x 125 cm quadratischen Bild des
Eiffelturms, der in diesem Ausschnitt von einer weißen, mit
Schriftzügen besprühten Mauer bedrängt zu werden scheint.
Was Kerns Fotografien verbindet ist das Motiv der unorthodoxen
Suche nach Randphänomenen, was zu einer Fülle interessanter
Einzelbilder und einem überzeugenden Gesamtkonzept führt. Sein
Blick vorbei am Zentrum lehrt uns, die Details neu zu sehen, er
gibt ihnen den Raum, den sie in unserer Erfahrung haben, und indem
er sie konserviert und bildwürdig macht, nimmt er Abstand von jedem
Klischee. Ein bewusster Einbau grafischer Fehler wird dabei,
augenzwinkernd und authentizitätsverstärkend, billigend in Kauf
genommen: Den Asphalt des Potsdamer Platzes oder den Kiesboden, der
auf dem Bild eines Teils des Buckingham Palace genau die Hälfte der
Bildfläche ausmacht, hat man nach Besichtigung meist in ebenso
starker Erinnerung wie die wahrgenommenen Gebäude
Jeder Reisende weiß, dass die steingewordenen Repräsentanten des
Massentourismus, die säkularisierten Mythen, längst Opfer der
Vermarktung geworden und immer wieder gut für Enttäuschungen sind,
da sie ständigem Wandel und städtebaulichen Veränderungen
unterliegen und ihrer Verklärung nicht gerecht werden können: Vor
dem Kölner Dom stehen Mülleimer, umgeben von schlecht gezieltem
Abfall, die Sagrada Familia ist nicht nur das Herzstück des
spanischen Jugendstils, sondern eine 1883 begonnene, zeitweise
ruhende Baustelle, und die Rückseiten mancher Gebäude scheinen in
keinem Zusammenhang mit ihren repräsentativen Schauseiten zu
stehen.
Durch Kerns Zugriff entstehen keine verspielten Suchbilder, sondern
Blicke auf Ränder und Details, die nicht als pars-pro-toto für das
stets im Titel genannte Motiv, aber als Ergebnisse eines
aufmerksamen Blicks gelten können, der sich bisweilen mit den
Erfahrungen der Bildbetrachter stärker deckt, als wenn eine präzise
Erfassung des Ganzen stattfinden würde. Und in dieses Konzept passt
der Blick auf ein in der Prinsengracht schwimmendes Körbchen, das
sofort nach seinem einstigen Inhalt fragen lässt, genauso wie der
Blick unter eine der wie aus dem Boden herauswachsenden Kugeln des
Brüsseler Atomiums. Von einem der singulären Werke der Moderne,
Frank Lloyd Wrights New Yorker Guggenheim Museum, ist nicht die
legendäre Spiralform zu erkennen, die noch in Hiroshi Sugimotos
schemenhafter Aufnahme den Wiedererkennungswert ausmacht. Statt der
Rampe hat Kern einen Teil der Grundfläche und des Erdgeschosses,
eine angeschnittene Blumenschale und den Teil des Schriftzugs
erfasst, der in seiner Isolierung das Synonym eines Hauses mit
allen Anklängen von Geborgenheit, das Wort HEIM, bildet. Diese
Fotografie macht deutlich, dass Kern seine Aufnahmen nicht
manipuliert und inszeniert, sondern innovativ und nicht ohne Ironie
mit dem Vorgefundenen arbeitet.